Beispiele mikrobieller Biotransformationen
Mikroorganismen bilden drei Viertel der gesamten Biomasse auf der Erde
und besiedeln praktisch jede ökologische Nische. So ist es nicht
überraschend, dass aus terpenreichen Habitaten eine große Zahl an
Bakterien und Pilzen isoliert wurden, die in der Lage sind, mit Hilfe
bestimmter Enzyme ihres Stoffwechsels diese Naturstoffe umzuwandeln.
Dabei gibt es sowohl Mikroorganismen, die Terpene vollständig
katabolisieren und als einzige Kohlenstoff- und Energiequelle für ihr
Wachstum nutzen können, als auch solche, die Terpene lediglich
teilmetabolisieren bzw. funktionalisieren, d.h. im Sinne einer
Biotransformation in strukturell verwandte Produkte umwandeln.
Gerade bei Pilzen der Basidiomycota und Ascomycota finden sich viele
Arten, die nach Terpendosierung interessante Biotransformationsprodukte
bilden können.
Screening von Mikroorganismen
Die Arbeitsgruppe führt daher immer wieder auch mikrobiologische
Screeningreihen mit entsprechender Produktanalytik durch, um solche
Mikroorganismen zu identifizieren, die ein herausragendes Potenzial zur
Umwandlung industriell interessanter Terpenleitstrukturen besitzen.
Aktuelle Arbeiten widmen sich insbesondere den Mono-, Sesqui- und
Triterpenen, deren oxyfunktionalisierte Derivate für die Aroma-,
Kosmetik- und Pharmaindustrie von Bedeutung sein können. So wurden
beispielsweise erstmals filamentöse Pilze gefunden, die aus dem
Monoterpen Linalool die Schlüsselaromastoffe des Fliederduftes, die
sogenannten Fliederalkohole und –aldehyde, synthetisieren können,
welche bis dato nur in der Pflanze beschrieben wurden.
|
Biotransformation von Linalool mit Pilzen. Fliederalkohole und –aldehyde,
bisher nur in Pflanzen beschrieben, wurden erstmals auch als Nebenprodukte der
Linaloolbiotransformation mit
Aspergillus niger
und
Botrytis cinerea
identifiziert. Zu den Hauptprodukten gehören die stereoselektiv gebildeten
furanoiden und pyranoiden Linalooloxide
|
Bestimmte Hefen wiederum zeigen die Fähigkeit, (+)-Limonen effizient
regio- und steroselektiv zu hydroxylieren.
Nach der Identifizierung eines terpenaktiven Mikroorganismus aus einem
eigenen Screening oder auch auf Basis publizierter Daten schließen sich
häufig Untersuchungen in Laborbioreaktoren an. Damit wird das
natürliche Potenzial dieser Mikroorganismen zur Katalyse der gewünschte
Reaktion unter optimierten Bioprozessbedingungen ausgelotet. Häufig ist
es vorteilhaft die beteiligten Enzyme - in der Regel handelt es sich um
Cytochrom P450 Monooxygenasen – zu isolieren und nach genetischer und
biochemischer Charakterisierung in biotechnisch leichter zu
handhabenden Wirtsorganismen wie
Escherichia coli
oder
Saccharomyces cerevisiae
heterolog zu exprimieren.
|
Integrierter Bioprozess zur Biotransformation von (+)-Limonen zu (+)-Perillasäure mit
Pseudomonas putida
|
Das Bakterium
Pseudomonas putida
eignet sich hervorragend
zur Oxidation des monocyclischen Monoterpens (+)-Limonen zu
(+)-Perillasäure, da es in Gegenwart hoher Konzentrationen des
cytotoxischen Präkursors wachsen kann. Diese Biotransformation ist aus
der Literatur bekannt. Hohe Konzentrationen der inhibierenden
Perillasäure werden jedoch erst erreicht, wenn der Fed-batch
Bioreaktorprozess mit einer kontinuierlichen in-situ Produktabtrennung
(ISPR, in-situ product removal) auf Basis von Anionenaustauscherharzen
gekoppelt wird. Derzeit wird untersucht, ob sich das Bakterium auch für andere
Terpenbiotransformationen eignet.
|
|
|
|
|
Rekombinante
E. coli
Zellen, die eine gentechnisch evolvierte P450 Monooxygenase aus
Bacillus megaterium
überexprimieren, können das bicyclische Monoterpen α-Pinen
in wertvolle Aromastoffe und –vorstufen umwandeln. Hierzu wurde ein
wässrig-organischer Zweiphasen-Bioprozess für die simultane in-situ
Substratdarreichung und ISPR entwickelt.
Durch Klonierung einer heterologen
Enzymkaskade zur Regeneration des zellulären Cofaktors NADPH wird der
Ganzzellbiokatalysator noch leistungsfähiger. Der rekombinante Stamm
stellt nun eine gute
Ausgangsbasis für die heterologe Expression
und biokatalytische Nutzung anderer NADPH-abhängiger Oxidoreduktasen
dar.
|
Gentechnisch optimierter
E. coli
Stamm mit heterologer Cofaktor-Regeneration zur Oxyfunktionalisierung
von α-Pinen im wässrig-organischen Zweiphasenbioprozess. Als
katalytisch aktives Enzym wird eine Fünffachvariante von P450BM-3 aus
Bacillus megaterium
eingesetzt.
|
|
Hochzelldichtekultur von
Methylobacterium extorquens
im Laborreaktor
|
Das methylotrophe Bakterium
Methylobacterium extorquens
besitzt die natürliche Eigenschaft, Carotinoide zu synthetisieren.
Diese gehören zu den Isoprenoiden und zeichnen sich unter anderem durch
eine intensive Rotfärbung aus. Bei
entsprechender Prozessführung kann das Bakterium mit Methanol als alleiniger
Kohlenstoff- und Energiequelle zu hohen Zelldichten wachsen.
Diese Fähigkeit sowie der etablierte molekularbiologische Zugang machen
M. extorquens
zu einer interessanten Alternative zu zuckerbasierten Fermentationsprozessen für die industrielle Biotechnologie |
Hefen
Hefen sind natürlicherweise eng assoziiert mit der Aromabildung in
traditionellen Lebensmittelzubereitungen und besitzen daher ein großes
Potenzial für die industrielle Aroma- und Riechstoffsynthese.
Beispielsweise überführen sie Aminosäuren unter bestimmten Bedingungen
über den Ehrlich-Stoffwechselweg in die korrespondierenden flüchtigen
Alkohole und deren Acetatester.
|
Ehrlich-Stoffwechselweg am Beispiel von L-Phenylalanin und L-Methionin
|
Durch Optimierung der Nährmediums und der Prozessführung kann man Hefen, z.B.
Kluyveromyces marxianus
, zur Produktion unphysiologisch hoher Konzentrationen anregen, die
jedoch sehr schnell eine inhibierende Wirkung entfalten. Erst durch
Einsatz kontinuierlicher ISPR-Methoden, wie wässrig-organischer
Zweiphasensysteme oder der membranbasierten organophilen Pervaporation,
können beispielsweise die rosenartigen 2-Phenylethanol und
2-Phenylethylacetat ausgehend vom L-Phenylalanin in hohen
Konzentrationen und hoher Reinheit gewonnen werden.
|
Prinzip der organophilen Pervaporation
|
|
Andere wertvolle Zielprodukte sind die kartoffelartig riechenden
Methionol und 3-Methylthiopropylacetat, die aus L-Methionin mittels
molekularbiologisch optimierter
Saccharomyces cerevisiae
Stämme im spezifisch optimierten Bioprozess ebenfalls im Gramm pro
Liter Maßstab gebildet werden können. Weiter wertvolle Aromastoffe
leiten sich von ungesättigten Fettsäuren ab. Nach Überexpression der
entsprechenden Gene des pflanzlichen Fettsäuremetabolismus kann
S. cerevisiae
beispielsweise zur Produktion von C6-Aldehyden und –Alkoholen aus
Fettsäurehydroperoxiden umfunktioniert werden, die als "Grünnoten" für
die Aromatisierung von Lebensmitteln und Getränken von Bedeutung sind.
Die aktuellen Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf das Metabolic
Engineering von
S. cerevisiae
für die Etablierung mehrstufiger Biotransformationsreaktionen und die
Entwicklung substrat- und produktspezifischer integrierter Bioprozesse.
Auf diese Weise soll die Hefe als modellhafter Ganzzell-Biokatalysator
für die Synthese einer Vielzahl von Aromastoffen sowie bioaktiver
Naturstoffe im Allgemeinen genutzt werden.
|
© DECHEMA e.V. 1995-2010, Last update 05.05.2009 |
|